Doppelkonzert mit Jan Roth & Winnie Brückner

24.06.2003

Doppelkonzert mit Jan Roth & Winnie Brückner

Jan Roth erhielt das Leipziger Jazz-Nachwuchsstipendium 2003.

Aus diesem Grunde fand im Spizz Jazzkeller ein Doppelkonzert mit der Preisträgerin des Vorjahres Winnie Brückner statt.

Anlässlich der Überreichung des Leipziger Jazz-Nachwuchsstipendium findet bereits traditionell in jedem Jahr ein Doppelkonzert des neuen Stipendiaten mit dem Vorjahres-Preisträger statt. So wurde das interessierte Publikum in den Spizz Jazz-Keller geladen, um die musikalischen Beiträge der Stipendiatin 2002 Winnie Brückner und dem diesjährigen Preisträger Jan Roth zu verfolgen. Die Jury (Prof Richie Beirach, Reinhard Lorenz, Dr. Bert Noglik) sprach ihm den von der Marion Ermer Stiftung bereitgestellten Preis für seinen musikalischen Werdegang zu. Jan Roth schloß seine musikalische Ausbildung an der Musikhochschule Leipzig ab und wird seine Studien mit Hilfe des Stipendiums in New York an der Manhattan School of Music, an der z.B. auch Adam Nußbaum unterrichtet, fortführen.

Im Spizz konnte Jan Roth seine Idee realisieren, Jazz-Standarts und balladenhafte eigene Stücke in sensiblen und selbstbewußten eigenen Bearbeitungen aufzuführen. Mit seiner Spielerfahrung konnte er bereits im Big Band Kontext, wie auch in der Zusammenarbeit mit den Pianisten Richie Beirach und Joachim Kühn überzeugen.

Einducksvoller Beweis für sein einfühlsames Ensemblespiel war auch das Benefizkonzert am 28. Januar im ausverkauften Spizz. Veranstaltet vom ProGohlis e.V. für die Flutopferhilfe spielte das Trio Richie Beirach, Rodolfo Paccabelo und Jan Roth.

Im Quartett mit Stefan Fräntzel (a-sax), Rodolfo Paccabelo (acc-bass) und Ronny Graupe (git – selbst Preisträger des Jazz-Nachwuchs-Stip) bot Jan Roth an diesem Abend sehr traditionellen Old-School Jazz mit kleinen Soundexperimenten. Bereits im Eröffnungsstück kommt die typische Rothsche Virtuosität am Schlagzeug zum tragen. Nach einer langen Themenvorstellung durch den Saxophonisten Stefan Fräntzel wechseln sich Latinpassagen mit Bebop ab. Dies bildet einen schön arrangierten Rahmen für die durchgereichten Soli. Es war beeindruckend wie gut die vier Musiker harmonierten und auf einander eingespielt waren. Die Titel wurden nur durch den Blickkontakt der Akteure untereinander gelenkt.

Als zweites Stück wurde ein von Roth’s Großvater komponiertes Stück (Walzer für Jan) äußerst musikalisch und sensibel umgesetzt. Druckvoll und dynamisch spielte der Stipendiat ohne sich selbst in in den Vordergrund zu rücken. Mit viel Power und liebe zum Detail konnte Jan Roth im Bandkontext mit seiner eigenen Note brillieren. In einer Ballade kamen dann auch die Besen sehr gefühlvoll und mit Perfektion zum Einsatz. Dies war eine gute Erholungsphase auf höchstem Niveau für die sehr zahlreich erschienen Zuschauer bevor es in spritzigem Tempo weiterging.

Im Abschlußstück zwangen dann kleine Spielereien mit längeren Pausenwerten zu Zwischenapplaus. Der gekonnte Umgang mit dem dargebotenen Material und die moderne flüssige Darbietung wurde vom Publikum entsprechend begeistert honoriert. Die lockere Spielweise, das tolle Feeling und der nicht endenwollende Groove machten Lust auf mehr und so war die Zugabe unausweichlich. Der Verzicht auf steife Swingpatterns machte einen Großteil der Frische aus, mit der von diesem hervorragenden Ensemble unter Leitung von Jan Roth gejazzt wurde, ohne traditionelle Elemente zu verleugnen. Auf diese Weise wird der Jazz der Bebop-Ära auch weiterhin lebendig bleiben und einer Frischzellenkur unterzogen.

Auf ganz andere Art überraschte Winnie Brückner als Preisträgerin des Jahres 2002. Im vorhinein war nicht zu erfahren auf welche Art sie das Publikum im Spizz in ihren Bann ziehen würde. Die aufgebauten Gerätschaften ließen allerdings sofort ahnen, dass die Reise mittels moderner Sampletechnik spannend und mit den Möglichkeiten moderner Technologie der Bezug zur aktuellen Musiklandschaft hergestellt wird. Winnie Brückner ist inzwischen durch ihre Arbeit mit dem A-Capella-Quartett Niniwe bekannt, welches mit groovigen und improvisierten Vokaltiteln auf unkonventionell jazzige Soundsuche geht. Insofern war die allgemeine Neugier berechtigt. Die Sängerin begann mit Hilfe der ad hoc entstehenden Sample-Loops eine Performance mit ganz spezieller Athmosphäre und Tiefgang. Winnie Brückner baute sich langssam ihren eigenen Begleittrack aus grooventen Vokalisen und layerartig geschichteten Stimmen. Die Live erzeugten Samples ergaben schöne Reibungen und Schwebungen zwischen den einzelnen Stimmen. Mit der spürbaren Dynamik wurde auch der Unterschied zu den üblichen DJ-Sets deutlich. Hier machte nicht die Technik Musik sondern der Kopf. Alles wirkte beindruckend orchestral und wurde durch die poetischen Texte und Wortspiele noch unterstrichen. Der virtuose Umgang mit der Technik und die Konzentration auf die musikalischen Abläufe hatten leider eine sehr statische Bühnenpräsenz der Sängerin zur Folge, da die visuelle Komponente einer Live-Darbietung nicht bedient wurde. Dafür konnte man auch die Augen schließen und genießen ohne etwas zu verpassen.

Mit diesem hervorragenden Abend erbrachte der musikalischen Nachwuchs wieder einmal den Beweis, dass Musik auch jenseits der künstlichen Superstars gemacht wird und die Stadt Leipzig gut daran tut, dies entsprechend zu unterstützen. Die bislang dargebotene Ausbildungsqualität der bisherigen Stipendiaten lässt hoffen, dass diese Referenz auch außerhalb der Stadt die Wahrnehmung Leipzigs als Musikstadt bestätigen wird und damit auch die kulturelle Vielseitigkeit dokumentiert.

(Quelle: le-nightflight.de)